Mythos 1: Ethischer Konsum ist immer gut und „Sweat-Shop“-Produkte sollten vermieden werden. Unternehmen in der Modebranche behaupten, „sweatshop-frei“ zu sein und „ethischen Konsum“ zu praktizieren. Das bedeutet, mehr Geld auszugeben, um damit sicherzustellen, dass Arbeitende in Fabriken besser behandelt werden. Nun, wie wir bei #1 gelernt haben, gibt es fünf Fragen, die wir als effektive Altruisten stellen müssen. Und eine davon lautet: Was wäre sonst passiert?
MacAskills Forschung konfrontiert uns diesbezüglich mit einer schwer ertragbaren Wahrheit: Wir nehmen nämlich an, dass wenn Konsumierende sich weigern, Waren aus diesen Sweat-Shops zu kaufen, diese Fabriken dem wirtschaftlichen Druck nachgeben und schließen müssen. Dass ihre Mitarbeitenden dann eine bessere Arbeit anderswo finden werden. Aber das ist nicht wahr. In Entwicklungsländern sind Sweat-Shop-Jobs die guten Jobs. Die Alternativen sind in der Regel schlechter. Beispielsweise harte, schlecht bezahlte Feldarbeit, das Sammeln von Abfall oder gar Arbeitslosigkeit. Um effektiven Altruismus zu praktizieren, müssen wir also die „Perspektive der reichen Welt“ verlassen und akzeptieren, dass einige Dinge für die Welt besser sind, als wir erwartet und erhofft haben.
MacAskill führt dazu weiter aus, dass wir zweifellos Empörung und Entsetzen über die Bedingungen in solchen Fabriken empfinden sollten. Die richtige Reaktion ist jedoch nicht, auf von Sweat-Shops hergestellte Waren zu verzichten und stattdessen Inlandsprodukte zu bevorzugen. Die richtige Reaktion besteht darin, die extreme Armut zu beenden, die Ausbeutungsbetriebe zu begehrten Arbeitsplätzen macht.
Mythos 2: Wer Fairtrade-zertifizierte Produkte kauft, tut Gutes.
Die Fairtrade-Zertifizierung ist ein Versuch, Arbeitenden in armen Ländern höhere Löhne zu zahlen. Betriebe erhalten die Fairtrade-Zertifizierung, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen, wie beispielsweise die Zahlung eines Mindestlohns, die Einhaltung von Sicherheitsanforderungen usw.
Was allerdings weniger bekannt ist: Die meisten Produzierenden, die die Kriterien erfüllen können, stammen aus vergleichsweise wohlhabenden Ländern wie Mexiko und Costa Rica. Produzierende, die in armen Ländern wie Äthiopien arbeiten, schaffen es oft gar nicht, in die Nähe der Erfüllung dieser Kriterien zu kommen. Angesichts des Gesetzes des abnehmenden Ertrags bei Investitionen (siehe oben) bedeutet das: Wir tun also mehr Gutes, wenn wir unzertifizierten Kaffee aus Äthiopien statt Fairtrade-Kaffee aus Costa Rica kaufen.
Wir sollten auch beachten, dass Zwischenhändler beteiligt sind, die einen Teil des „Fairtrade-Preises“ einnehmen. Wir wissen meistens gar nicht, inwiefern der höhere Preis sich tatsächlich in höhere Löhne für die Familien und Arbeitenden der Fairtrade-Betriebe niederschlägt.
Darauf deuten auch Forschungsergebnisse hin, denn keine Studie konnte bisher aufzeigen, dass die Fairtrade-Zertifizierung das Leben von Landarbeitenden deutlich verbessert. Angesichts dessen gibt es also wenig altruistischen Grund, Fairtrade-Produkte zu kaufen.
Mythos 3: Lokales Einkaufen ist gut – Kompensationsmaßnahmen nicht
MacAskill stellt klar, dass der Kauf von lokal produzierten Waren überbewertet ist. Warum? Nur 10 % des CO2-Fußabdrucks von Lebensmitteln werden vom Transport versursacht, während 80 % schon bei der Produktion entstehen. Das bedeutet, dass die Art der Lebensmittel, die wir konsumieren, eine viel größere Rolle spielt als die Frage, ob diese Lebensmittel lokal oder international produziert werden.
Unter Berücksichtigung dessen sind die effektivsten Möglichkeiten, deine Emissionen zu reduzieren:
- deinen Fleischkonsum zu reduzieren (insbesondere Rindfleisch)
- weniger zu reisen oder nachhaltige Transportmittel zu benutzen
- weniger Strom und Gas im Haushalt zu verwenden
Allerdings erwähnt MacAskill auch, dass es effektiv möglich ist, Emissionen mit Kompensationen auszugleichen. Dabei schreibt er in seinem Buch, dass Cool Earth die effektivste Organisation ist, wenn es um die Kompensation von Treibhausgasemissionen geht.
Zu diesem Ergebnis kam MacAskill, indem er mithilfe seiner Organisation Giving What We Can hunderte Unternehmen überprüft hat. Cool Earth nutzt Spenden, um die wirtschaftliche Entwicklung von Gemeinden und indigenen Völkern im Regenwald voranzutreiben. Dadurch werden sie in die Lage versetzt, ihre Lebensgrundlage zu verbessern, OHNE ihr Land an internationale Unternehmen verkaufen zu müssen und der Rodung des Regenwaldes zuzustimmen. Das bedeutet: Wenn du an Cool Earth spendest und effektives CO2-Kompensieren praktizierst, trägt dein Lebensstil nicht negativ zum Klimawandel bei.
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