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Endlich! Nach einigen Jahren haben wir ein neues MAp meets mit unserem Partner Karsten Schmidt-Hoensdorf, Besitzer des Zürcher Design Studios IDA14, geführt. Für alle Interessierten: HIER könnt ihr unser letztes Gespräch entdecken und nachlesen.

Denn seit mehr als 25 Jahren entwickelt Karsten mit seinem Team “außergewöhnliches Design für außergewöhnliche Räume”. Der Fokus liegt dabei auf Hospitality, Living und auch Unternehmens-Projekten in den Bereichen Architektur, Innenarchitektur und Design. Vor kurzem hat uns Karsten erzählt, auch immer mehr nachhaltiges Design in seine Arbeit mit aufzunehmen. Somit war es höchste Zeit, uns für ein neues Interview zu treffen.

Untertitel
MAp meets Karsten Schmidt-Hoensdorf, Besitzer des Zürcher Design Studios IDA14
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MAp meets Karsten Schmidt-Hoensdorf, owner of the Zurich design studio IDA14
Paragraphs

Lieber Karsten, wir freuen uns ungemein, dass wir es endlich geschafft haben wieder zusammen zu sitzen. Da wahrscheinlich nicht alle Leser*innen bei unserem letzten Gespräch dabei waren, könntest du uns bitte einen kurzen Einblick in dein Schaffen und IDA14 geben?

Es freut mich sehr von Dir, Magdalena, und MA people die Einladung zum Interview zu erhalten! Es ist für mich Inspiration und Aufforderung zum Weiterdenken, die Gelegenheit zu haben, mit Euch über meine Arbeit zu reflektieren! Kurz zusammengefasst bearbeite ich mit meinem Team von meist um die 10 junge/n InnenarchitektInnen und ArchitektInnen vorwiegend Hotelprojekte. Wir verstehen uns als Boutique Style Design- und Architekturstudio: Die Teamgröße ist bewusst überschaubar gehalten, unsere AuftraggeberInnen sind meist kleinere, individuelle Hotels oder kleine Hotelketten in der Schweiz.

Das hat einerseits mit der kleinteiligen Hotelstruktur in der Schweiz zu tun, andererseits aber auch mit unserer Vorliebe für Individualität. Die gegenseitige Wertschätzung ist hier oft stärker spürbar als bei internationalen Hotelkonzernen. Ich verstehe meine Arbeit in diesem Zusammenhang als Beitrag an eine hochstehende Hotelkultur, wie sie historisch in der Schweiz entstanden ist.

Hier spreche ich einen mir wichtigen Aspekt an: Kultur findet bekanntlich nicht nur in der Oper statt. Kultur ist vielfältig, ein hochstehendes Handwerk, die Pflege traditionellen Wissens und der respektvolle Umgang damit sind für mich ein wichtiger Teil meiner Motivation immer wieder neue Projekte anzugehen, ohne in repetitives Denken und Handeln zu verfallen.

Ich persönlich arbeite nun seit knapp 30 Jahren in diesem Beruf. Ich war, wie in meinem ersten Interview mit Euch beschrieben, von früher Jugend an, an Kunst, Geschichte, Literatur und auch Politik interessiert. Dieses Interesse an der Welt und mein Studium der Geschichte und Politik vor dem Architekturstudium, sind wohl Antrieb und auch Basis bei meiner Arbeit als Fachautor. Ich schreibe in den einschlägigen Medien zu Themen der Hotellerie. Dabei geht es mir um den gesellschaftlichen Kontext der Branche. Hier lassen sich Entwicklungen ablesen und Trends beobachten, die weit über das übliche Verständnis von Design und Architektur hinausgehen.

Als Berater habe ich für Hotelketten wie Swissôtel weltweit gearbeitet. Weiters stehe ich diversen Hotels mit meinem Wissen über die richtige innenarchitektonische Konzeptionierung und Proportionierung zur Seite. Aber auch Banken wie der Credit Suisse bei größeren Projekten.

Ein Thema, über welches wir letzthin viel gesprochen haben, ist die Nachhaltigkeit. Wie integrierst du diese in deine Arbeit? Gab es für dich einen Moment oder vielleicht einen Ort, der dich auf diesen Weg gebracht hat?

Wenn ich einen Ort oder Zeitpunkt suche, wo und wann mein Interesse für Nachhaltigkeit begann, dann kommt es mir als eine selbstverständliche Entwicklung vor, eine Art evolutionärer Designprozess.

Ich erinnere mich, dass vor vielen Jahren die Gestaltung, die visuell erlebbare Ästhetik, dominant und zentral war. In der Schweiz kam traditionell noch eine Haltung hinzu, die Aspekte wie Materialechtheit und hochwertige Handwerksarbeit wertschätzte.

Als Director Interior Design war ich mehrere Jahre für einen Schweizer 5* Hotel Brand auf allen Kontinenten unterwegs, briefte und coachte die Design- und Architekturteams von vielen Renovations- und Neubauprojekten. Dabei wurde mir deutlich bewusst, wie sehr wir uns im kontinentalen Europa und speziell in der Schweiz, von den zumeist angelsächsischen Designfirmen unterscheiden, die weltweit große Hotelprojekte umsetzen. Faszinierend und für mich eine absolute Ausnahme in diesem Zusammenhang war dabei meine Zusammenarbeit mit einem japanischen Innenarchitekten. Bei einem Umbauprojekt in Japan erlebte ich, wie nah wir einander in unseren Auffassungen zu Architektur und Design kamen. Deswegen freue ich mich sehr auf meine kommende Japanreise, wofür ich Handwerk, Architektur und Design - neben der Natur - zu den zentralen Themen meiner Reiseplanung gemacht habe. Und die Vorfreude ist natürlich groß: diese Reise ist nun seit anderthalb Jahren „on hold“ - ich hoffe auf das nächste Jahr.

Wir drücken die Daumen, dass es endlich mit deiner Japanreise klappt. Wenn wir in der Zukunft bleiben: welche Prinzipien und Trends denkst du, werden im Design immer wichtiger?

Die Prinzipien sind komplex und werden sich immer weiterentwickeln. Es gibt verschiedenste Labels und Zertifikate zur Nachhaltigkeit, auch in der Hotellerie. Magdalena, Du hast mir das anspruchsvolle Label B Corp gezeigt, auf das Du Dich mit Deinem Unternehmen fokussierst: Ich beschäftige mich nun damit, habe Respekt vor dem Aufwand und werde es weiterverfolgen.

Was unsere tägliche Arbeit in der Planung der Innenarchitektur angeht, kommen diverse Grundprinzipien der Nachhaltigkeit meinen Sympathien und Qualitätsansprüchen entgegen. So z.B. bei der Produkte- und Materialauswahl zu recherchieren, wie sinnvoll und vertretbar die Verwendung in Bezug auf Energieeinsatz und ethischen Grundsätzen bei Herstellung und Transport ist. Des weiteren lege ich Wert auf Materialechtheit, was auch der Recyclierbarkeit entgegenkommt. Auch die Gewinnung und vor allem die Verarbeitung von Rohstoffen sollte, wenn möglich, regional stattfinden. Zum Beispiel beim Einsatz von Holz und Stein.

Ganz weit oben auf meiner Präferenzliste steht das Handwerk: Hier spreche ich, was mich anbetrifft, von einer hochstehenden Kultur, die hoffentlich wieder an Bedeutung gewinnt und Platz im Wirtschaftsdenken findet. Ich liebe gutes Handwerk und ergreife oft die Möglichkeit Handwerksbetriebe zu besuchen. Dazu zählen für mich auch Glasmanufakturen wie Barovier & Toso auf Murano, mit einer durchgängigen Firmengeschichte seit dem 15. Jahrhundert. Oder Leuchtenfirmen wie Louis Poulsen in Kopenhagen, die nicht nur alles selbst und in Dänemark produzieren, sondern ihre Mitarbeitenden zu täglichen Arbeitspausen mit Musik und Gymnastik einladen.

Diese europäischen Firmen sehe ich als regional an, für mich ist Regionalität keine Frage der nationalen Grenzen, sondern der Möglichkeiten. Daher wird es wohl auch in Zukunft Produkte geben, die von weit herkommen, aus Asien, Afrika, Süd- und Nordamerika.

Hierbei sind, wie vorher schon angesprochen, die Recherchen wichtig: Wie und unter welchen Bedingungen wurde produziert? Wieweit sind ethische Standards glaubwürdig eingehalten worden, wie z.B. bei den Arbeitsbedingungen und der Menschenwürde, Tierwohl und Umweltbelastungen?

Was zukünftige Trends in Bezug auf Nachhaltigkeit angeht, hoffe ich auf positive gesellschaftliche Entwicklungen: Es kann nicht sein, dass Jede und Jeder einen Doktortitel erwerben muss, um Nachhaltigkeit zu verstehen. Für mich sprechen Nachhaltigkeit und unsere großen Krisen einfache Gefühle an: Wer bei sich ist, hat auch einen leichten Zugang zum Verständnis von Nachhaltigkeit. «We are one World» ist eine Frage des Bewusstseins, nicht der Bildung.

Mein Interesse für Nachhaltigkeit,
kommt mir als eine selbstverständliche Entwicklung vor, eine Art evolutionärer Designprozess.
Karsten Schmidt-Hoensdorf, IDA14
via @weareMApeople


Was sagst du zu jenen Menschen, die glauben, dass es schlichtweg unmöglich ist sowohl Design-orientiert als auch nachhaltig zu sein? Wie erschaffst du schöne Orte und Räume, die auch für die Menschheit und unsere Erde langfristig tragbar sind?

Wir haben in der Menschheitsgeschichte schon viele Wandel des guten Geschmacks durchlaufen. Die 25.000-jährige Steinskulptur der Venus von Willendorf ist die erste bekannte skulpturale Darstellung eines menschlichen Ideals: Eine sehr dicke Frau. Sie stellte ein Schönheitsideal dar, denn in Zeiten von Hunger und Kälte war das wohlgenährt sein ein Traum. Aus heutiger Sicht würde das Übergewicht als problematische Fehlentwicklung angesehen werden… Schönheitsideale können sich also durchaus überleben, wenn sie nicht mehr angemessen sind, wenn sie zu Erkenntnissen im Widerspruch stehen. Ich glaube an ein kollektives, universales Ästhetik-Empfinden. So wie alle Menschen unabhängig von ihrer Kultur Lachen und Weinen verstehen, so gibt es auch Übereinstimmungen in der Wahrnehmung von schön und hässlich, von freundlich und feindlich.

Um also auf die Frage zurückzukommen: Ich spiegle die Aussage zurück und behaupte, es wird in der Zukunft zur allgemeinen Designakzeptanz, zum Schönheitsempfinden, selbstverständlich dazugehören, dass die Gestaltung Standards der Nachhaltigkeit erfüllt. Ein weiter so wie immer eines Hoteldesigners würde mir, beispielsweise als vorausschauender Hotelinvestor, eher Sorge als Freude machen.

Viele unserer LeserInnen sind in der Hotellerie tätig: Was sind die 5 wichtigsten Dinge, die Hotels tun sollten, um Ihre Interieurs nachhaltiger zu machen?

Wer plant, eine Innenarchitektin oder einen Architekten zu beauftragen, muss sich die Zeit nehmen und abklären, im Gespräch und anhand von Referenzprojekten, ob und wie Nachhaltigkeit ein Thema in der Gestaltung des betreffenden Design-Büros ist. Wer selbst zur Tat schreiten möchte, sollte sich mit guten regionalen Handwerksbetrieben beraten und die passenden PartnerInnen aussuchen. Herstellende von Möbeln gibt es in der Schweiz und im nahen Ausland sehr gute und nachhaltige. Firmen wie De Sede, Horgen Glarus, Embru, Alias, Girsberger und andere versprechen Langlebigkeit; aber nicht nur das: Nach vielen Jahren Gebrauch restaurieren sie diese Möbel auch. So zahlt ein Hotel vielleicht einen höheren Einstandspreis als bei No-Name-Produkten von irgendwo, dafür halten diese aber auch Jahrzehnte lang. Die Lebensdauer eines Möbels ist ein wichtiges Kriterium der Nachhaltigkeit. In der Regel sind diese Möbel sorgfältig gestaltet und strahlen eine hohe Wertigkeit aus, was der Gast gern und positiv zur Kenntnis nimmt.

Das gilt auch und besonders für Ledermöbel: Hochwertige Firmen kommunizieren genau von wo die Rinderhäute stammen und wie und mit welchen Chemikalien sie gegerbt wurden. Es ist für mich wie beim Essen: Wenn eine Tiefkühlpizza mit Fleischauflage keine 3.50 Franken kostet, ist doch allen klar, dass keine respektvolle Tierhaltung und keine Wertschätzung dahinter stehen kann…

Ich bin kritisch mit einem momentanen inflationären Hype von Pet-Recycling: Ich frage Herstellende genau nach den Prozessen der Gewinnung von Pet und Fischernetzen und wie und wo die Gewinnung, Verarbeitung und Transporte stattfinden. Wir haben auf der Welt ein Problem mit Pet-Abfall. Aber ist die Verarbeitung zu mehr oder weniger kurzlebigen Produkten sinnvoll? Löst das ein Problem oder schafft es ein Neues? 

Was gibt es an weiteren nachhaltigen Maßnahmen? Ich untersuche vor Renovationen von Hotels und Gastronomieobjekten, ob wirklich alle Möbel entsorgt werden. So bearbeiten wir ein Projekt im Tessin, wo ein handwerklich anspruchsvoll hergestellter Sekretär in den Zimmern altmodisch wirkte. Aber in mattem schwarz lackiert, mit modernen, silberfarbenen Beschlägen und einer coolen Tischlampe ergänzt, wirkt er nun wie neu geboren, ein Lifestyle-Element, welches sein zweites Leben beginnt.

Der Themen-Dreiklang Downcycling, Recyling und Upcycling sollte zur Recherche der Möglichkeiten gehören. Gute Gestaltende sollten Lösungen finden, die überzeugend nachhaltig und hohen Designansprüchen genügend sind.

Was sind deine Hoffnungen für die Hospitality Industrie in Bezug auf Nachhaltigkeit?

Die Hotellerie und Gastronomie sind großen Herausforderungen ausgesetzt, müssen teils ihre angestammten und bisher gut funktionierenden Geschäftsmodelle hinterfragen. Vieles an der Nachhaltigkeit ist ihnen vertraut über den F&B Bereich: Regionalität und gute Produkte als Voraussetzung für Erfolg, klare Kommunikation und Deklaration von Produkten und Dienstleistungen.

Der zeitgemäße und respektvolle Umgang mit Mitarbeitenden rückt mehr in den Vordergrund, neue Arbeitszeitmodelle werden gefordert.

Ich erhoffe mir durch diese Herausforderungen ein Umdenken mit positiven Auswirkungen für die Zukunft: eine höhere Motivation der Mitarbeitenden durch ein kooperatives Management; Vertrauen von Gästen und Mitarbeitenden in die Betriebe, erzielt durch ehrliche Kommunikation; und die Vermeidung von „Green-Washing“, da man sich ehrlich um Nachhaltigkeit bemüht und das auch sichtbar macht.

Karsten, du kennst ja unsere finale MAp meets Frage bereits. Denn diese dreht sich auch noch nach all den Jahren um unseren Kernservice – der Entwicklung von nachhaltigen Hotelkonzepten und Hotelmarken. Was macht für dich persönlich einen Hotelaufenthalt einzigartig?

Ich bin, wie meine Partnerin auch, ein leidenschaftlicher Gastronomie- und Hotelgenießer. Wir studieren online verschiedene Angebote und wählen sorgfältig aus. Wenn das Hotel und das Restaurant dann ein Erlebnis sind, mir eine einzigartige, nicht austauschbare Erinnerung schenken, dann komme ich glücklich nach Hause zurück! Zu diesem Glück braucht es Mitarbeitende, die mich ein echtes „Willkommen-sein“ spüren lassen. Räumlichkeiten, die überraschen, mit Details und als Gesamteindruck. Räume, die eine warme und freundliche Atmosphäre ausstrahlen und gleichzeitig zeitgemäß modern gestaltet sind, vielleicht auch manchmal unvergesslich auf die Spitze getrieben… Hotel- und Gastronomiebetriebe deren Essen morgens, mittags und abends verführerisch ist.

Orte die Sehnsucht auslösen, wenn ich mich später an sie erinnere.

Über Karsten Schmidt-Hoensdorf:

Nach seinem Studium der Geschichte und Politikwissenschaften in Toulouse und München wandte er sich der Architektur zu und schloss ein Studium der Innenarchitektur ab. Über Jahre war Karsten als Berater für Hotelentwicklungen und Renovierungen für Swissôtel Hotels & Resorts weltweit in der Position des Director Interior Design verantwortlich und doziert heute zu Themen wie: Prozesse in der Design-Entwicklung führen sowie Qualitätskriterien im Design.

MAp boutique consultancy meets Karsten Schmidt-Hoensdorf, IDA14
MAp boutique consultancy meets Karsten Schmidt-Hoensdorf, IDA14
MAp boutique consultancy meets Karsten Schmidt-Hoensdorf, IDA14
MAp boutique consultancy meets Karsten Schmidt-Hoensdorf, IDA14
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MAp boutique consultancy meets Karsten Schmidt-Hoensdorf, IDA14
MAp boutique consultancy meets Karsten Schmidt-Hoensdorf, IDA14

Main blog image: Photographer Marion Nitsch for Lunax

Photos 1 and 2: Marktgasse Hotel, Zurich
Award winning: Best Hotel Concept DACH, AIT Award
Photographer: Bruno Helbling

Photos 3, 4 and 5: Kurklinik Bad Schinznach, Switzerland Photographer:Dominik Golob und Felix Wey

Photos 6 and 7: Sorell Hotel Zürichberg, Zurich
Photographer: Bruno Helbling

Photos 8 and 9: Single-family house Kilchberg, Zurich
Photographer: Bruno Helbling

 

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„We are one World“ ist eine Frage des Bewusstseins, nicht der Bildung

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Heute freuen wir uns sehr, dieses MAp meets mit Jennifer Renggli, Studentin der Fachhochschule Graubünden zu führen. Jennifer war das letzte Jahr über unsere Mentee und hat sich entschlossen, ihre Bachelor-Thesis unserem Lieblingsthema zu widmen: der Hotelkonzeptentwicklung. Im September hat sie ihre Arbeit mit dem Titel „Concept development in Swiss unaffiliated hotels“ äußerst erfolgreich und mit der höchsten Punktezahl verteidigt.

Als Co-Advisor dieser Arbeit sind wir darüber natürlich sehr erfreut. Doch bevor wir mit den Fragen beginnen, möchten wir uns ganz herzlich bei Prof. Norbert Hörburger, Stv. Leiter Forschung & Dienstleistung ITF und Advisor der Thesis für die großartige Zusammenarbeit bedanken. Sowie auch bei Riccarda Ryffel, die für das Mentoring Programm der Fachhochschule Graubünden verantwortlich ist und uns überhaupt erst mit Jennifer in Verbindung gebracht hat. Wir durften Jennifer nämlich zuerst als Mentorinnen unterstützen. Aus der guten Zusammenarbeit im Mentoringjahr entstand die Idee, dass Jennifer mit unserer Unterstützung ihre Bsc Thesis in Angriff nimmt. Über das tolle Ergebnis und die vielen Erkenntnisse erfahren wir gleich mehr. 

Untertitel
MAp trifft Jennifer Renggli, Studentin der Fachhochschule Graubünden
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The hotel concept is like a puzzle.
Paragraphs

Liebe Jennifer, wir gratulieren zur überaus erfolgreichen Verteidigung deiner Thesis! Wie du in deiner Arbeit feststellt, wurde die Hotelkonzeptentwicklung bisher kaum in der akademischen Literatur berücksichtigt – wieso hast du trotzdem dieses Thema für deine Arbeit gewählt? Was hat dein Interesse geweckt (unabhängig von unserem Mentoringjahr)?

Vielen Dank! Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kommilitonin, welche mir begeistert über eure Arbeit bei MAp erzählt hat. Mein erster Gedanke war „Hotel concept creators? Sowas gibt’s als Beruf?“ Wie wahrscheinlich viele andere, hatte ich noch nie von Hotelkonzeptentwicklung gehört. Eine bittere Bilanz, wenn man bedenkt, dass die Thematik heutzutage umso wichtiger ist. Die Hotellerie steht schließlich vor völlig anderen Herausforderungen als noch vor 10 Jahren, als Gratis-WLAN als Alleinstellungsmerkmal galt. Während meiner Zeit als Flugbegleiterin hatte ich das Privileg, in vielen namhaften Hotels dieser Welt zu nächtigen. Im Gegensatz zu den Hotelketten, welche für jedes Gästebedürfnis eine passende Marke aus der Schublade ziehen können, müssen unabhängige Hotels ihr „Konzept“ selbst entwickeln. Bereits hier fängt die Komplexität an; Hotelkonzept klingt fancy, jede*r behauptet ein’s zu haben, doch in Wahrheit ist der Begriff abstrakt und schwer zu definieren. Da war also zum einen die Hotelkonzeptentwicklung, welche aus theoretischer Sicht nahezu undefiniert ist und zum anderen die Dringlichkeit für einzigartige und wettbewerbsfähige Hotelkonzepte in der Praxis. Ein Paradox, welches wie geschaffen war für eine Forschungsarbeit ;-)

Das Hotelkonzept ist wie ein Puzzle.
Um es zu lösen, braucht es methodisches Vorgehen und kreatives Vorstellungsvermögen.
via @weareMApeople


Du hast es bereits angesprochen, die Hotelkonzeptentwicklung ist ein komplexes Thema. Wie definierst du nach Abschluss deiner Arbeit ein Hotelkonzept? Und wieso hat deine Arbeit ergeben, dass es ein kritischer Erfolgsfaktor für die strategische Entwicklung von Hotels ist?

Die simple Antwort lautet: ein maßgeschneidertes und langfristig-orientiertes Dokument zur strategischen Ausrichtung des Hotelprojektes. Jedoch würde diese Definition dem Begriff „Hotelkonzept“ nicht gerecht werden. Ein Hotel ist weitaus mehr als Gaststube und Übernachtungsmöglichkeit. Es ist ein Ort der Begegnung, Interaktion und Sinneserfahrungen. Ferner ist es aber auch eine Immobilie und ein Geschäftsmodell, wo die Bedürfnisse und Erwartungen verschiedenster Anspruchsgruppen aufeinandertreffen. In der Folge braucht es ein harmonisches Zusammenspiel aus sogenannten harten und weichen Faktoren, um ein stimmiges und ganzheitliches Hotelkonzept zu erarbeiten. Das Hotelkonzept ist wie ein Puzzle. Um es zu lösen, braucht es methodisches Vorgehen und kreatives Vorstellungsvermögen. Konkret bedarf es einer strategischen Grundlage in der Form von Zielformulierung und Identifizierung von Erfolgspotenzialen. Diese ergeben sich aus einer fundierten Analyse zu Markt, Umfeld und Trends. Daraus lässt sich dann ein individuelles Konzept formen, welches Aspekte wie Architektur, Design, Sensorik aber auch die direkten und indirekten Einflüsse auf Mensch und Umwelt berücksichtigt. Das Ergebnis dieses Entwicklungsprozesses ist ein klarer „raison d’être“ FÜR das Hotelvorhaben, welcher auch in Zukunft noch seine Berechtigung hat.

Was war das Ziel deiner Studie und mit welchem Ansatz / welchen Methoden hast du versucht deine Destination zu erreichen?

Obwohl zahlreiche Studien zu Hotelmanagement- und Projektentwicklung existieren, wurde meines Wissens Hotelkonzeptentwicklung in der Theorie wie in der Praxis bisher nur wenig diskutiert. Folglich wollte ich mit meiner Thesis einen kleinen, aber wesentlichen Beitrag zu dieser bestehenden Wissenslücke leisten. Dazu habe ich erforscht, wie die Branche den Begriff „Hotelkonzept“ versteht und wie verbreitet die Hotelkonzeptentwicklung in der Schweizer Ferienhotellerie ist. Zu diesem Zweck führte ich Interviews mit Branchenexpert*innen, Hotelbesitzer*innen- und Manager*innen durch. Den Forschungsfokus richtete ich dabei auf nicht-markenzugehörige Hotels in ländlichen Gebieten. Der exploratorische Charakter meiner Forschung ermöglichte es mir, ein tiefes Verständnis für das Thema zu entwickeln und daraus Erkenntnisse über den Status quo der Hotelkonzeptentwicklung zu gewinnen.

Du hast dich sowohl mit Branchenexpertinnen als auch mit Managern und Besitzern unterhalten: Was hat deine Forschung in Bezug auf die Definition von Hotelkonzepten sowie deren praktische Verwendung ergeben? Und welche Schlüsse hast du daraus gezogen?

Grundsätzlich fiel es allen Befragten schwer, das Hotelkonzept in Worten zu definieren. Das kommt daher, dass ein Konzept häufiger mit einer Idee als mit einem strategischen Dokument in Verbindung gebracht wird. Nicht selten wird daher in der Praxis das Konzept oft als Bestandteil vom Business Plan verstanden. Während die Branchenexpert*innen jedoch grundsätzlich der Auffassung sind, dass ein Hotelkonzept möglichst holistisch sein sollte, so assoziieren die Hotelbesitzer und Managerinnen damit vorwiegend die Vorstellung zu den materiellen und produkt-spezifischen Elementen des Hotels. Beispielsweise nannten sie die außergewöhnliche Innenarchitektur, die Seminarraumausstattung oder das vielfältige gastronomische Angebot als bedeutend für „ihr“ Hotelkonzept. Auffallend war dabei, dass die befragten Hoteliers ihr Konzept basierend auf Erfahrungswerten, Annahmen und aus dem Bauchgefühl entwickelten. Einige gaben sogar ehrlich zu, dass in ihrem Hotel nichts geplant, sondern einfach gemacht wurde. Diese Vorgehensweise ist entgegen der Expertenmeinung und der gegenwärtigen Literatur, welche besagt, dass ein Konzept auf Fakten gestützt sein sollte. In der Folge war es wenig überraschend, dass in den fünf von sechs untersuchten Hotelprojekten kein schriftliches Hotelkonzept mittels einem strategischen Planungsprozesses entwickelt wurde.

Diese Tatsachen deutet stark darauf hin, dass schriftliche Hotelkonzepte in der Schweizer Ferienhotellerie (sofern keine externe Beratungsagentur involviert ist) eher die Ausnahme als die Regel sind. Ich sehe einen möglichen Grund darin, dass in der Hotellerie der Zweck und Nutzen von Hotelkonzepten schlichtweg noch zu wenig bekannt ist.

Was sind die Risiken, welche Hotelbetreibende in Betracht ziehen müssen, wenn sie kein fundiertes Hotelkonzept haben? Und wenn wir die Frage auf die gesamte Hospitality-Industrie ausweiten: Was können wir tun, um die Hotelkonzeptentwicklung mehr in den Fokus der Branche zu rücken?

Hotelprojekte sind meist langjährige, kostspielige und risikobehaftete Projekte. Ich bin der Meinung, wer ein weit entferntes Ziel „ersegeln“ will, braucht Kenntnisse über den richtigen Kurs, um dort auch wirklich anzukommen. Das Steuern „auf Bauchgefühl“ gelingt nur den Wenigsten, daher ist Navigation die einzige Lösung. Ein ganzheitlich erarbeitetes Hotelkonzept ist dieses richtungsgebende Dokument für alle involvierten Anspruchsgruppen. Ohne Hotelkonzept laufen die Beteiligten jedoch Gefahr, den Kurs zu verlieren oder den Richtigen von Beginn an zu verfehlen. Das zeigt sich dann womöglich erst nach der Eröffnung in Form von operativen und finanziellen Schwierigkeiten. Deswegen ist es wichtig, bereits in einer sehr frühen Phase des Hotelprojekts, egal ob Neubau oder Renovation, sich mit dem Hotelkonzept auseinanderzusetzen. Ich sehe hier eine große Chance für Hotelberatungsagenturen aber auch Branchenverbände und Hochschulen, welche das Thema weiter aufgreifen und das nötige Knowhow verbreiten können. Beispielsweise erarbeiten Studierende an der Fachhochschule Graubünden ein Hotelkonzept direkt an einem Fallbeispiel. Als junge Berufsleute können sie mit diesem Wissen neue Anstöße in die Betriebe bringen.

Nach deiner erfolgreichen Verteidigung der Arbeit: Was sind deine Zukunftspläne? Wie möchtest du weiterhin die Hotelbranche verändern?

Ich habe während meiner Forschungszeit große positive Resonanz und Interesse seitens der befragten Interviewpartner erfahren. Das freut mich, weil es zeigt, dass ein Umdenken in der Branche bereits stattfindet. Als Praktikerin ist es für mich aber wichtig, bei all den theoretischen Grundlagen das Verständnis für die täglichen Herausforderungen in der Praxis nicht zu verlieren. Schließlich wollen wir nicht nur Hotelkonzepte, welche auf Papier gut klingen, sondern solche, die auch langfristig im Alltagsgeschäft funktionieren. Das ist eine Gratwanderung, deren ich mich sicherlich auch in Zukunft annehmen werde.

Wie immer, unsere abschließende MAp meets Frage: Was macht für dich persönlich ein wirklich einzigartiges Hotelerlebnis aus?

„Gast“ zu sein ist für mich immer eine sehr persönliche Erfahrung und wird dann unvergesslich, wenn ich mit dem Ort und den Menschen rundherum im Einklang bin. Dabei spielt es keine Rolle, ob Luxusresort oder Guesthouse – denn das Gefühl von „Ankommen“ entsteht bei mir nicht durch Sternekategorien oder Marken, sondern aus dem Herzen.

About Jennifer Renggli:

Jennifer hat ihr Tourismus-Bachelorstudium an der Fachhochschule Graubünden in Chur erfolgreich abgeschlossen und ist gelernte Mediamatikerin. Das Reisefieber hat sie auf ihrem ersten Solo-Trip nach Indonesien ergriffen. Seither hat sie z.B. in den Vereinigten Arabischen Emiraten gelebt und dort für eine internationale Airline gearbeitet. So findet man sie auch oft am Aufschreiben ihrer Reiseerinnerungen in charmanten Kaffeebars.  

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Das Hotelkonzept ist wie ein Puzzle

Comments

Ricky Sharma

Nice! This opens up my view of the hotel industry. Many new and previously undiscussed points there!

Karsten Schmidt-Hoensdorf

Thanx, interesting challenging points of interest identified and discussed!

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Heute freuen wir uns sehr mit dem Unternehmer und Gründer Piero Achermann über sein Projekt, das innovative SelfieHotel zu sprechen. Wir wagen auch einen Blick in die Zukunft und sind gespannt, welches Pop-Up uns als nächstes als Social Media Spielplatz erwartet. Viel Spaß beim Lesen!

Untertitel
MAp trifft Piero Achermann, Co-Founder von SelfieHotel
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#wirsindzukunft
Paragraphs

Lieber Piero, vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses MAp meets nimmst. Vor einem Jahr seid ihr mit dem ersten SelfieHotel Pop-up Museum in Zürich gestartet, kannst du unseren Leser*innen zu Beginn dieses Gesprächs einen kurzen Einblick geben, was dich in die Gastronomie / Hotellerie verschlagen hat und natürlich, wie es zu diesem Projekt gekommen ist?

Die Idee zum SelfieHotel kam nach der ersten Schockstarre im Frühling 2020, als wir bei Aroma uns überlegt haben, wie die durch die Pandemie leer stehenden Räumlichkeiten genutzt werden könnten. In erster Linie hatten wir hierbei Gastronomie-Betriebe im Fokus, welche behördlich geschlossen waren. Aber da eine Wiederöffnung auch im Bar- und Clubbereich absehbar wurde, viele Stadthotels aber immer noch eine sehr schlechte Buchungslage hatten, haben wir erste Anfragen versendet und uns nach kurzer Bedenkzeit für das 25h Hotel an der Langstrasse / Europaallee in Zürich entschieden.

Das SelfieHotel ist ein temporärer Social Media Spielplatz und zielt vordergründig auf ein junges Publikum ab, welches außergewöhnlichen
Content für ihre Social Media Feeds erstellen möchte.
via @weareMApeople


Was genau ist unter einem SelfieHotel zu verstehen? Was ist das Konzept dahinter und welche Zielgruppen wolltet ihr damit vordergründig ansprechen?

Das SelfieHotel ist ein temporärer Social Media Spielplatz und zielt vordergründig auf ein junges Publikum ab, welches außergewöhnlichen Content für ihre Social Media Feeds erstellen möchte. Hierfür erstellen wir im Kulissenbau in den Hotelzimmern verrückte Sets zum Fotografieren, Filmen, Boomerangs, Posieren, Tanzen und Lachen! Für den Besuch können dann bei uns auf selfiehotel.ch Timeslots gebucht werden. Der Eintritt kostet rund CHF 25.

Wie waren die Reaktionen zum ersten SelfieHotel und wie sieht die weitere Projektplanung aus? Ist eine Ausweitung des Projektes geplant und was erwartet uns in diesem Jahr?

Wir waren vom Ansturm massiv überrascht; Das SelfieHotel war über Wochen ausgebucht. Deshalb haben wir die Öffnungszeiten angepasst und entschieden, die  Laufzeit um einen Monat zu verlängern. Über die 3 Monate konnten wir in Zürich knapp 20‘000 Besucher begrüßen.

In diesem Jahr planen wir die Eröffnung des SelfieHotel Lausanne auf den 1. Mai, vorausgesetzt die epidemiologisches Situation lässt dies zu.

Gerne würden wir mit dem Konzept auch weitere Städte bespielen und sind hierfür bereits in Planung, aber auch offen für Vorschläge.

Wenn wir nun gemeinsam in die Zukunft blicken: Was denkst du erwartet uns nach COVID-19? Welche Trends werden die Schweizer und die internationale Hotellerie prägen?

Die Hotellerie und Gastronomie und die Veranstaltungsbranche sind die am stärksten betroffenen Wirtschaftszweige; deshalb ist in diesen Bereichen auch eine hohe geistige und betriebliche Agilität und Frustrationstoleranz notwendig, um durch diese Krise zu kommen. In diesem Sinne hoffe ich, dass die Krise nicht nur finanzielle Verlierer hervorbringt, sondern im gleichen Ausmaß an Format, Charakter und Ausdauer gestärkte Unternehmer.

Als MA people haben wir uns auf die Entwicklung von innovativen Hotelkonzepten und –marken spezialisiert: Was macht für dich einen wirklich besonderen Hotelaufenthalt aus?

Ich weiß persönlichen aber unaufdringlicher Service sehr zu schätzen. Wenn ich am zweiten Tag meines Aufenthaltes bereits die richtige Zeitung auf dem Frühstückstisch finde, dann bin ich glücklich.

About Piero Achermann:

Jahrgang 1980 ist in Luzern aufgewachsen und ist seit 2001 vielseitig unternehmerisch tätig. Neben der langjährigen Tätigkeit als Mitgründer und Geschäftsführer von diversen Unternehmen in Gastronomie und Unterhaltung, ist er seit 2011 auch im Agenturbereich beratend tätig.

#wirsindzukunft
#wirsindzukunft
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#wirsindzukunft

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Heute freuen wir uns sehr Verena Kern Nyberg, die Direktorin der Sinn & Gewinn Hotels zu treffen. Fünf engagierte Frauen gründeten 1998 die gemeinnützige Aktiengesellschaft Frauenhotel AG, die hinter den Sinn & Gewinn Hotels steht. Gemeinnützig heißt, dass Gewinne nicht an die Aktionär*innen ausgeschüttet, sondern in die Weiterentwicklung des sozialen Unternehmertums investiert werden.

Untertitel
MAp meets Verena Kern Nyberg, die Geschäftsführerin der Sinn & Gewinn Hotels
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Those who do not fight have already lost!
Paragraphs

Liebe Frau Kern Nyberg, herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch genommen haben. Können Sie unseren Lesern einen kurzen Einblick geben, wie es den Sinn & Gewinn Hotels in dieser außergewöhnlichen Zeit geht?

Wir können es vielleicht so umschreiben: es ist ein Auf-und-Ab auf tiefem Niveau. Das „Auf“ steht dabei für die Hoffnung am Horizont. Der Lockdown hat uns stark getroffen, von einem auf den anderen Tag hatten wir keine Gäste mehr und sahen uns im Frühjahr 2020 leider gezwungen, unsere Hotels bis Pfingsten zu schließen. Mit Ausnahme von zwei Pensionen, wo wir vor allem Dauermieterinnen beherbergen. Der darauffolgende Sommer war passabel und wir konnten uns mit viel Sparen und guter Planung über Wasser halten. Seit der zweiten Welle stehen wir wieder fast so schlecht da, wie beim ersten Lockdown. Was uns jetzt allerdings hilft die Hotels geöffnet zu lassen, sind die Long-Stay Konzepte, die wir im Sommer entwickelt haben.

Wer nicht kämpft,
hat schon verloren!
@verenakernnyberg
via@weareMApeople


Sie haben die Langzeitgäste in ihren Pensionen erwähnt. Weiters wissen wir, dass sich die Gruppe einem gemeinnützigen Wirtschaften verschrieben hat. Können Sie unseren Leserinnen das Konzept der Sinn & Gewinn Hotels etwas genauer erläutern?

Die Sinn & Gewinn Hotels sind vor 20 Jahren mit der Ursprungsidee gestartet, Arbeitsplätze für Frauen mit erschwerten Bedingungen zu schaffen. Das LADYs FIRST Hotel im Seefeld in Zürich wurde als erstes geöffnet und feiert 2021 das 20-jährige Jubiläum. Mit der Zeit wurden weitere Betriebe übernommen, immer mit dem Ziel Frauen mit psychischen und kognitiven Beeinträchtigungen einen Wiedereinstieg in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Da wir in den Pensionen weniger Frauen anstellen konnten, haben wir dort den sozialen Nutzen bei den Bewohnerinnen integriert: ein Drittel der Zimmer sind immer für Frauen in Not- oder Übergangssituationen reserviert.

Wenn wir bei MAp Hotelkonzepte und Marken entwickeln, fragen wir uns immer, was der größere Zweck, der „Purpose“ jeder Unternehmung ist. Seit dem letzten Jahr haben wir festgestellt, dass die Sinnfrage vermehrt auftaucht und auch von einer breiteren Mehrheit diskutiert wird. Wie haben Sie diese Entwicklung miterlebt?

Was ich in den vergangenen Jahren vor allem gesehen habe ist, dass dies nicht mehr nur für den Verkauf des Produktes wichtig ist. Der sich am schnellsten bewegende Markt ist für mich der Human Resources Markt, also der Mitarbeitermarkt. Ich habe den deutlichen Eindruck, dass wir als Sinn & Gewinn Hotels einfacher Mitarbeiter finden und halten können, da wir eben auch Sinn haben und nicht nur Gewinn. Und es bei uns ganz allgemein einfach ein menschlicheres Arbeiten ist, als in vergleichbaren, anderen Hotels.

Beim Konzept der Sinn & Gewinn Hotels spielen Frauen eine zentrale Rolle. Wie haben Sie die Veränderung der Bedürfnisse Ihrer weiblichen Gäste in den letzten Jahren wahrgenommen?

Ich glaube nicht, dass sich die Bedürfnisse an sich fundamental gewandelt haben, der Umgang mit den eigenen Ansprüchen hat sich jedoch stark geändert. Heute werden Bedürfnisse freier und klarer geäußert als früher. Und was wir ebenfalls feststellen: es gibt viel mehr allein reisende Frauen, im Business- als auch im Leisure-Bereich.

Wie hoch ist der Prozentanteil von weiblichen Gästen in Ihren Hotels?

Das LADYs FIRST Hotel ist unser einziges Hotel, in welchem am Anfang nur Frauen begrüßt wurden. Seit 2002 ist das nicht mehr der Fall – Frauen wie auch Männer sind herzlich willkommen.

Zwischenzeitlich haben wir sogar mehr Männer als Frauen zu Gast. Das lässt sich durch Business-Reisende unter der Woche erklären, wo der männliche Anteil noch stark überwiegt. Wenn man den Anteil allerdings mit anderen Hotels im gleichen Segment vergleicht, schöpfen wir einen großen Anteil von weiblichen Business-Reisenden ab.

Nicht nur das Segment der Geschäftsreisen wird mehrheitlich von Männern dominiert, sondern auch die Hotellerie. Auch hier hat es seit 2020 starke Veränderungen gegeben. Was können wir alle tun, um (junge) Frauen zu motivieren in der Hotellerie zu arbeiten und die Geschlechter-Diversität zu fördern?

Das ist ein wirklich großes Thema. Als Frauen können wir z.B. damit anfangen, bereits kleinen Mädchen zu zeigen, was wir alles erreichen können. Ich bin der Überzeugung, dass viel damit zusammenhängt, welche Vorbilder Kinder sehen. Ich habe früher nicht viele Hotel-Direktorinnen wahrgenommen, finde allerdings, dass sich institutionell viel getan hat. Deswegen bin ich auch gerne bereit, Interviews wie dieses zu geben – ganz allgemein mein Gesicht zu zeigen. Dazu ermutige ich auch jede andere Frau!

Wir verlassen kurz die Gegenwart. Welche Hoffnungen haben Sie für 2021, für die Zukunft?

Unabhängig davon, wie sich jetzt die Pandemie entwickelt, ist meine Hoffnung, dass ein kultivierter und mit Fakten unterfütterter Diskurs geführt wird. Dass nicht die „Hobbyvirologen“ das Ruder übernehmen und das Ganze noch mehr mit Gerüchten, „Fake News“ und Verschwörungen nähren. Ich wünsche mir einen Sieg der Vernunft.

Wir bei MAp sagen oft, wenn „Shit happens, Shift happens“. In unseren letzten Blogbeiträgen haben wir versucht aufzuzeigen, wie viele Möglichkeiten es in dieser Krisenzeit gibt. Was hat Ihnen die Corona-Zeit an Positivem gebracht? Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gezogen?

Unglaublich viel Engagement, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, vorausschauendes Denken: Was brauchen wir jetzt? Wo müssen wir ansetzen? Wir haben Sachen gemacht, probieren sie immer noch und ändern Dinge wieder, all das wäre für mich vor einem Jahr nicht vorstellbar gewesen. Ich persönlich kann sagen, ich wachse an dieser aktuellen Situation.

Wir bei MAp sind Experten in der Konzept- und Markenkreation und stellen oft fest, dass wenn alles „läuft“, langfristige Themen wie Strategieentwicklung, Positionierung, etc. gern zur Seite geschoben werden. Dazu haben wir gleich eine Doppelfrage. Zum einen: Wie sehen Sie diese Entwicklung im Markt? Und die zweite Frage: Was ist für Sie persönlich ein gutes Hotelkonzept?

Markt ist der Ort, wo Nachfrage und Angebot aufeinandertreffen. Die Nachfrage ist am Boden und daraus ergibt sich, dass die Anbieter sich umso mehr anstrengen und positionieren müssen. Jene Anbieter, die mit Einsatz nach vorne schauen und nicht den Kopf in den Sand stecken, brauchen mehr als je zuvor eine Positionierung und klare Ausrichtung. Hotels, die für sich die Hoffnung sehen, dass sie aus dieser Krise rauskommen können, die klemmen sich jetzt hinters Konzept und die Positionierung.

Und um die zweite Frage zu beantworten: Für mich ist ein gutes Hotelkonzept, wenn die werbliche Aussage auf der Webseite mit dem übereinstimmt, was ich vorfinde, wenn ich ins Hotel gehe. Weiters sollen dann auch noch die Mitarbeitenden zum Ganzen passen und voll und ganz hinter der Hotel-Philosophie stehen. Ein gutes Hotelkonzept ist somit für mich, wenn alles aus einem Guss und in sich eine runde Sache ist.

Was möchten Sie unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

„Wer kämpft, kann gewinnen. Wer nicht kämpft hat schon verloren.“ Das ist eigentlich so mein Spruch und ich glaube im Moment passt der ganz gut.

About Verena Kern Nyberg:

Frau Kern Nyberg wurde 1979 geboren und ist im Südschwarzwald aufgewachsen. Ihr Werdegang beinhaltet: Abschluss der Akademie für Touristik, Freiburg, Fachfrau Marketing mit eidg. FA, Dipl. Hotelmanagerin NDS HF,Transaktionsanalytikerin in Ausbildung. Verena ist Vizepräsidentin der Vereinigung Diplomierter Hoteliers VDH (www.vdh.swiss) sowie Vorstandsmitglied des Zürcher Hoteliervereins. Seit 2012 ist sie die Direktorin der Sinn & Gewinn Hotels: www.sinnundgewinn.ch.

 

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Wer nicht kämpft, hat schon verloren!

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Neulich waren wir im urig-schrägen Restaurant Onkel Taa in Töll/ Südtirol zu Gast und haben echtes „Eatertainment“ erlebt. Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen mit der Eigentümerin und Köchin Janett Platino über ihre Passion, die hauseigene Schneckenzucht und den „Female Shift“ in der Food-Branche zu sprechen. Viel Spaß beim Lesen!

Untertitel
MAp meets Janett Platino, Köchin im Restaurant Onkel Taa in Töll/Südtirol
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Gastronomie 2017: echtes Eatertainment in Südtirol
Paragraphs

Janett, danke noch einmal für den tollen Abend bei euch. Könntest du unseren Lesern kurz einen Einblick in deinen Werdegang geben und was dich als Köchin am meisten geprägt hat?

Sehr gerne! Ich bin bei meiner Großmutter und in der Küche unseres Restaurants aufgewachsen, die Affinität zu feinem und gutem Essen wurde mir wohl in die Wiege gelegt. Meine Großmutter hat mich stets mit meinen Lieblingsgerichten verwöhnt und mit ihrer Hilfe durfte ich von klein auf am Holzherd das „Kochen“ probieren bzw. spielend erlernen. Von ihr erhielt ich auch mein erstes, kleines Topf-Set und mit einfachen Zutaten wie Mehl, Wasser und Milch habe ich meine ersten Kreationen verwirklicht. Neben meiner Großmutter haben auch mein Vater, damals Chefkoch unseres Restaurants sowie zwei italienische Köchinnen meinen gastronomischen Weg geprägt. Auch sie ließen mich in die Töpfe schnuppern, brachten mir grundsätzliche Essens- und Kochregeln bei und kochten mir meine Lieblingsgerichte. So z. B. Kaiserschmarrn aus der Eisenpfanne mit hausgemachter Preiselbeermarmelade (natürlich selbst gepflückt!). Einfach unschlagbar und für mich Glückserlebnis pur ;-)

Bereits damals wurde mir bewusst, dass gutes Essen in netter Gesellschaft Glücksmomente erzeugt. Deswegen besuchte ich die Landeshotelfachschule Kaiserhof und machte meinen Koch- und Service-Lehrabschluss an der Landes-Berufsschule Savoy in Meran. Die Küche und der Service gehören für mich zusammen und nur wenn diese beiden Bereiche perfekt zusammen spielen, ist es möglich, die Wünsche und Bedürfnisse der Gäste zu verstehen und zu erfüllen.

So viele bunte Blüten, Kräuter, Gräser und frisches Grün sowie liebevoll abgefüllte Einmachgläser mit spannenden Inhalten haben wir noch nie in einer Küche gesehen. Kompliment! Seit wann bist du am Aufbauen dieser imponierenden Sammlung? Was treibt dich an und was inspiriert dich?

Mich inspiriert die Natur selbst! Wir haben einen sehr großen Garten mit vielen verschiedenen Kräutern, Gemüsearten und Blumen. Schon meine Großmutter holte täglich frisches Gemüse aus dem Garten, welches dann auf den Tisch kam. Bereits damals gab es ein kleines Beet für mich, dort baute ich mein eigenes Gemüse an und natürlich waren meine Radieschen und Karotten die besten. Das Kräutersammeln und -trocknen hat bei uns lange Tradition, meine Großmutter hatte stets Brennnessel, Taubnessel und Kamille parat und mein Großvater war auf Enzian und Arnika spezialisiert, womit er selbst Schnaps ansetzte. Kamille z.B. wurde in meinem Schlafzimmer auf Zeitungspapier getrocknet, um sie als Hausmittel zum Augen auswaschen bei Entzündungen, zum Haare waschen oder für Sitzbäder zu verwenden.

Diese Tradition führe ich fort. Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Gewürzkräutern und von März bis Mitte November ist meine „Sammel-Hochsaison“. Es macht mir Spaß darüber zu lesen, besonders in historischen und alten Kochbüchern finde ich stets neue Ideen. Mein größter Schatz ist ein Buch aus dem Jahr 1685, welches den Namen „Wunderbuch“ trägt. Die alten Rezepte inspirieren mich und dienen oft als Basis für meine eigenen Kreationen. Mit Kräutern zaubere ich sehr individuelle, neue und alte Geschmäcker in meine Gerichte und unterscheide mich dadurch von anderen Restaurants. Zudem habe mich auf die Lieblingsgerichte der Kaiserin Elisabeth („Sissi“) und ihren Gemahl, Kaiser Franz Joseph I. spezialisiert. Für Kaiserin Elisabeths Lieblingsdessert, ein Veilchen Gefrorenes, gewinne ich aus Duftveilchen einen Sirup und stelle damit ein Eis her.

Die Küche und der Service gehören für mich zusammen und nur wenn diese beiden Bereiche perfekt zusammen spielen, ist es möglich,
die Wünsche und Bedürfnisse der Gäste zu verstehen und zu erfüllen.
via @weareMApeople


Eure selbstgezüchteten Schnecken gehören zu den besten in Europa. Wir haben von dir erfahren, dass Schnecken zu den saubersten Tieren gehören und sind gespannt, was es noch mehr über sie zu berichten gibt.

Die Weinbergschnecken gehören zu den saubersten Tieren der Welt und sind absolute Feinschmecker. Sie fressen nur das Beste - Unkraut steht bestimmt nicht auf ihrem Speiseplan. Der von ihnen produzierte Schleim ist für viele Menschen vielleicht eklig, doch genau durch diesen reinigen sie sich selbständig. Die wenigsten Menschen wissen, dass Weinbergschnecken immer schon gegessen wurden – sie waren ein typisches Essen für arme Leute, hauptsächlich in der Fastenzeit.

Die Zubereitung der Schnecken ist sehr aufwendig, weshalb sie nicht mehr allzu oft auf Speisekarten zu finden sind. Bevor man die Weinbergschnecken kochen kann, muss man sie für 7 bis 10 Tage spurgieren lassen, d.h. sie ausschließlich mit Weißbrot oder Polenta zu füttern, damit die Schnecken von alleine ihren Darm reinigen. Dann werden sie in kaltem Wasser gewaschen, bevor sie ins kochende Wasser gegeben werden. Ähnlich wie beim Hummerkochen sind die Weinbergschnecken unmittelbar tot und spüren nichts. Nach dem Kochen wird jede einzelne Weinbergschnecke aus ihrem Häuschen gezogen und die Innereien abgezupft. Danach werden sie abermals gewaschen und in einer Gemüsebrühe für circa 45 Minuten gekocht. Erst dann sind die Weinbergschnecken zur weiteren Verarbeitung bereit und je nach Saison werden sie in unserem Restaurant auf verschiedenste Arten zubereitet.

Gemüse und Pflanzen spielen die Hauptrolle auf deinen Tellern. Deine Küche strotzt nur so von regionalen, frischen Zutaten aus dem hauseigenen Bauerngarten und du achtest auf eine schonende und gesunde Zubereitung – alles wichtige Trends in der Gastronomie und Food-Branche. Welche anderen Trends werden für dich die Zukunft der Gastronomie prägen?

Mit Sicherheit die Natur. Ich lege sehr großen Wert auf Bio-Produkte, Fairness und auf Gesundheit. Daher arbeite ich in meiner Küche nur mit dem, was mir die Natur bietet und verzichte gänzlich auf künstliche Hilfsmittel. Die Herausforderung einzig und allein mit Kräutern und Gewürzen zu arbeiten gefällt mir ungemein. Es ist zwar unglaublich zeitaufwendig, aber für mich genau das, was Qualität ausmacht. Diesen Trend werde ich beibehalten und genau genommen, dafür kämpfen.

Der Bauer muss von seiner intensiven Arbeit leben können und die Tiere verdienen eine respektvolle Haltung. Ich will wissen, mit welchen Produkten ich arbeite, wie sie entstanden sind und unter welchen Voraussetzungen sie zubereitet werden. Um gesund zu sein und zu bleiben, muss man sich auch dementsprechend ernähren. Kochen bedeutet für mich sich Zeit nehmen und nicht Zeit sparen durch die Verwendung von Convenience Food. Man stelle sich einmal vor was passieren würde, wenn sich die Menschen so viel Zeit zum Kochen nehmen würden, wie für das Nutzen sozialer Medien. Ich glaube, dann wären viele Menschen gesünder und würden über Ernährung und Lebensmittel anders denken. Ich würde mir dies jedenfalls sehr wünschen.

Der „Female Shift“ macht sich immer mehr in der Gastronomie und Food-Branche bemerkbar. Als weiblicher Connoisseur: was ist deine Meinung dazu und wie unterscheidet sich der „weibliche Geschmack“ von dem, der männlichen Kollegen?

Ich glaube es geht nicht nur um die Küche und die Gerichte, sondern genauso um das ganze Ambiente drum herum. Wir verbringen mehr Zeit in unserem Restaurant als in unserer Wohnung, deshalb muss es für uns fein, schön, heimelig und gemütlich bei der Arbeit sein. Nur so fühlen wir uns wohl und können dieses Gefühl auch an unsere Gäste weitergeben. Deshalb ist es in meiner Küche so bunt und es gibt so viele Kräuter und essbare Blumen.
Meiner Meinung nach bedenken Frauen, im Gegensatz zu vielen männlichen Kollegen, das ganze Umfeld eines Betriebes und achten vermehrt auf jedes noch so kleine Detail - sei es Dekoration, Sauberkeit, gepflegte Mitarbeiter, etc. Zwischen Männern denke ich, ist der Konkurrenzkampf und der Druck sich andauernd beweisen zu müssen größer, was bei der Arbeit zu zusätzlichem Stress führen kann. Ich arbeite gemeinsam mit meiner Tochter und meiner Mutter in unserem Restaurant. Drei Frauen, drei Generationen mit drei verschiedenen Ansichten und Ideen - jedoch mit demselben Ziel. Für uns läuft die Zusammenarbeit unter Frauen harmonisch und ruhig ab.

Du reist viel und erkundest dabei gerne andere Esskulturen. Was macht für dich einen Restaurantbesuch zu einem absoluten WOW-Erlebnis?

Ein aus einfachen Zutaten kreiertes, kreatives Gericht serviert zu bekommen ist für mich ein WOW-Erlebnis. Was mich allerdings einfach nur langweilt, dass viele Restaurants die immer ähnlichen Gerichte servieren. Bei einem Restaurantbesuch möchte ich etwas erleben, Neues probieren oder ein neu interpretiertes Gericht genießen. Das kann durchaus auch ein typisches Gericht der Region sein, immer mit den altbekannten Zutaten, jedoch anders serviert als üblich.
Egal ob im Nobelrestaurant oder auf der Almhütte, es freut mich unglaublich, wenn man spürt, dass die Arbeit mit Leidenschaft gemacht wird, dass die Köchin/der Koch mit Liebe und Passion arbeitet. Oft verraten das nur kleine Details, aber für mich machen genau diese den großen Unterschied aus.

Wie bereits erwähnt sind für mich auch das Ambiente und der Service sehr wichtig. Ich muss mich wohlfühlen und vom Gastgeber das Gefühl vermittelt bekommen, dass ich willkommen bin und jemand für mich da ist. Nur so kann für mich ein Glücks- bzw. Zufriedenheitsgefühl entstehen, wie damals, als mir meine Großmutter mein Lieblingsgericht serviert hat.

Seit über 15 Jahren führt Janett Platino nun die Küche des Restaurants Onkel Taa. Ihre Mutter und ihre Tochter führen den Service. Der Vater, Onkel Taa, hingegen kümmert sich um das K.u.K. Museum von Bad Egart,  welches sich neben dem Restaurant befindet. Das Museum gehört mit seinen unzähligen Zeitdokumenten und Erinnerungsstücken an die Kaiserin Elisabeth zu einer der größten Privat- Sammlungen von Raritäten und Originalen des österreichischen Kaiserhauses. Das Onkel Taa Haus war früher auch unter dem  Namen Bad Egart bekannt und das älteste Heilbad Tirols, während der Kaiserzeit was es ein Badehaus, welches auch die Kaiserin Sissi aufsuchte, wenn sie zur Kur in Meran weilte.

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Gastronomie 2017: echtes Eatertainment in Südtirol

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Heute treffen wir Dr. Eva Bilhuber Galli, Gründerin der human facts ag, welche Dienstleistungen für Unternehmen, Teams und Persönlichkeiten anbietet, die eine systematische Entfaltung unserer menschlichen Stärken im Fokus haben.

Untertitel
MA people meets Dr. Eva Bilhuber Galli: Gründerin der human facts ag
Blog main image
The human side of Management MA people MAp Boutique Consultancy
Paragraphs

Liebe Eva, könntest du unseren Lesern bitte erklären, was du mit dem Begriff „die menschliche Seite im Management“ meinst und wieso dir dieser so wichtig ist?

Ich meine damit das, was „zwischen“ den Menschen in Unternehmen passiert. Nur wenn in den Beziehungen mit Kunden, Mitarbeitenden und Partnern eine menschliche Qualität von Vertrauen, geteilten Werten und Zugehörigkeit erlebbar wird, kann ein Business nachhaltig erfolgreich florieren. Eine menschliche Beziehungserfahrung entsteht aber nicht automatisch durch viel Interaktion. Das wird gerade jetzt im Zeitalter von Social Media deutlich. Unternehmen streben nach hoher Konnektivität, unterschätzen aber, dass eine hohe digitale Interaktion nicht mit Beziehungsqualität einhergeht. Mittlerweile wechseln über 50% der Kunden den Brand aufgrund einer menschlich enttäuschenden Erfahrung in der Kundeninteraktion. Tatsächlich hat die Digitalisierung die Erwartung der Kunden an den menschlichen Faktor in der Kundenbetreuung massiv steigen lassen. Ich bin überzeugt, dass Manager, die Unternehmen als Beziehungsnetzwerk zwischen Partnern verstehen und so gestalten, dass nicht nur materielle, sondern auch menschliche Werte geschaffen werden, in unserem Netzwerkzeitalter erfolgreich sein werden.

Nur wenn in den Beziehungen mit Kunden, Mitarbeitenden und Partnern eine menschliche Qualität von Vertrauen, geteilten Werten und Zugehörigkeit erlebbar wird,
kann ein Business nachhaltig erfolgreich florieren.
via @weareMApeople


Wir finden, deine Unternehmensaussage „human facts – Weil es Menschen sind, die unternehmerische Fakten schaffen“ mehr als treffend. Warum werden allerdings die „human facts“ von Unternehmen oft nicht bzw. zu wenig berücksichtigt?

Wir glauben, dass Emotionen oder menschliche Werte wie z.B. Hilfsbereitschaft nichts im Unternehmen zu suchen haben, weil sie einem effizienten Handeln im Wege stehen. Das hat uns die BWL mit ihrem Model des „homo oeconomicus“ eingebrockt. Und obwohl sie diesen Denkfehler ja mittlerweile selbst einräumt, ist diese Dualität immer noch ganz tief in unserem Denken verankert. Wir glauben, Menschlichkeit und ökonomisches Handeln vertragen sich nicht. Ich selbst habe in meiner Karriere erlebt, dass wenn die Zahlen nicht stimmten, man menschliche Themen sofort zurückgestellt hat. Danach war man dann bemüht, das Team wieder menschlich einzuschwören. Diese Unvereinbarkeit ist lediglich Resultat eines Denkfehlers, weshalb ich mich in meiner Arbeit heute aktiv für den Brückenschlag einsetze.

Und was sind die Folgen dieses spannungsreichen Verhältnisses zwischen ökonomischer Effizienz und Menschlichkeit?

Die Konsequenz ist eine Spaltung: Zu Hause bin ich Mensch, da darf Menschlichkeit sein. Bei der Arbeit muss ich effizient sein und den Mensch zu Hause lassen. Und wenn, dann bitte nur im Rahmen von Corporate Social Responsibility Programmen. Unternehmen werden damit zunehmend seelenlos, unmenschlich und Arbeit sinnentleert. Das ist eine bedenkliche Entwicklung, die wir wirklich dringend stoppen müssen. Sie ist insofern völlig absurd, da Effizienz bzw. die Ökonomie ein urmenschliches Prinzip ist. Es bedeutet im ursprünglichen Sinn Ressourcenschonung und weite Teile unseres Körpers und Geistes funktionieren nach diesem Prinzip. Ich kenne auch ehrlichgesagt keinen Menschen, der es super findet, ineffizient zu arbeiten. Ökonomie und Menschlichkeit lässt sich nicht nur vereinen, sondern das eine braucht sogar das andere. Wir wissen heute, dass der Unternehmenserfolg von Vertrauen, Kooperation, Lernen, Innovation abhängt. Das sind urmenschliche Stärken. Es wird Zeit, dass wir den Mut haben, diese Erkenntnis auch im Management anzuerkennen und wieder ins Zentrum der strategischen Agenda von Unternehmen zu rücken.

Unternehmen sind zunehmend mit dynamischen Veränderungen konfrontiert. Die gelebte Unternehmenskultur wird so zum Anker für Identifikation und Vertrauen – für Kunden genauso wie für Mitarbeiter, Partner und die Gesellschaft. Was sind deiner Meinung nach die Grundpfeiler einer nachhaltigen Unternehmenskultur?

Der wesentlichste Pfeiler ist für mich der Unternehmenspurpose. Damit ist die Daseinsberechtigung, sozusagen die Seele des Unternehmens gemeint. Er drückt aus, was das Unternehmen der Welt „geben“ will. Wir vergessen häufig, dass Unternehmen dafür da sind den Menschen und der Gesellschaft zu dienen und nicht umgekehrt. Formulierungen wie „Wir wollen die Nr. 1 sein“ sind Zeuge dieser alten Welt. Mit „Belonging everywhere“ von AirBnB können sich hingegen viele Stakeholder identifizieren, weil hier ein sozialer Mehrwert für viele geschaffen werden soll. Nach meiner Erfahrung sind Unternehmen deshalb gut beraten, den Purpose mit ihren verschiedenen Stakeholdern gemeinsam im Dialog zu formulieren. Der Weg ist hier das Ziel. Abgesehen von einem gemeinsamen Purpose, glaube ich sollte eine Unternehmenskultur all jene Werte beinhalten, die zu nachhaltig guten Partnerschaften und Vertrauen beitragen, wie z.B. Respekt, Transparenz und Integrität. Aber auch da hilft es nicht, diese einfach auf Marmortafeln zu schreiben. Es kommt darauf an, diese Werte in einem Dialogprozess mit Mitarbeitenden und anderen Stakeholdern gemeinsam zu definieren und im Erleben zu überprüfen.

Als MA people haben wir uns auf die Entwicklung von innovativen Hotelkonzepten und –marken spezialisiert: was macht für dich einen wirklich besonderen Hotelaufenthalt aus?

Natürlich Menschlichkeit im Umgang – wie sollte es auch anders sein. Es sind vor allem die kleinen spontanen menschlichen Gesten, die nicht einstudiert sind, die mich beeindrucken und dafür sorgen, dass ich mich als Mensch und nicht nur als zahlender Gast empfangen fühle. Und das nicht nur im Umgang mit mir als Kunden, sondern ich möchte diese Menschlichkeit auch im Umgang der Mitarbeitenden untereinander spüren können. Neulich kassierte mich z.B. eine andere Bedienung ab, als die, die mir das Essen gebracht hatte. Sie sagte von sich aus sofort, sie werde das Trinkgeld gern der anderen Kollegin zukommen lassen. Das zeigte mir, dass hier wirklich Respekt und Integrität gelebt wird. Das hat mich sehr beeindruckt. Dort, wo authentische Menschlichkeit vorherrscht fühle ich mich sofort wohl. Egal, um welche Kategorie von Hotel es sich handelt oder ob ich im Urlaub oder auf einem Business Trip bin.

Über Dr. Eva Bilhuber Galli:

Dr. Eva Bilhuber Galli führt seit 2009 ihr Beratungsunternehmen human facts ag in Zürich und St. Gallen mit dem Schwerpunkt Transformation & Multi-Stakeholder Engagement. Ihr Engagement ist motiviert aus der Überzeugung, dass Effizienz ein menschliches Prinzip ist und sich mit Menschlichkeit vereinbaren lässt. Sie publiziert regelmässig im Fachjournal Changement! des deutschen Handelsblattverlags. Sie lebt mit ihrem Mann in den Schweizer Bergen und liebt es, sich vom Kontrast zwischen internationalem Unternehmensalltag und bodenständigem Landleben bereichern zu lassen.

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The human side of Management MA people MAp Boutique Consultancy

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