Lieber Karsten, wir freuen uns ungemein, dass wir es endlich geschafft haben wieder zusammen zu sitzen. Da wahrscheinlich nicht alle Leser*innen bei unserem letzten Gespräch dabei waren, könntest du uns bitte einen kurzen Einblick in dein Schaffen und IDA14 geben?
Es freut mich sehr von Dir, Magdalena, und MA people die Einladung zum Interview zu erhalten! Es ist für mich Inspiration und Aufforderung zum Weiterdenken, die Gelegenheit zu haben, mit Euch über meine Arbeit zu reflektieren! Kurz zusammengefasst bearbeite ich mit meinem Team von meist um die 10 junge/n InnenarchitektInnen und ArchitektInnen vorwiegend Hotelprojekte. Wir verstehen uns als Boutique Style Design- und Architekturstudio: Die Teamgröße ist bewusst überschaubar gehalten, unsere AuftraggeberInnen sind meist kleinere, individuelle Hotels oder kleine Hotelketten in der Schweiz.
Das hat einerseits mit der kleinteiligen Hotelstruktur in der Schweiz zu tun, andererseits aber auch mit unserer Vorliebe für Individualität. Die gegenseitige Wertschätzung ist hier oft stärker spürbar als bei internationalen Hotelkonzernen. Ich verstehe meine Arbeit in diesem Zusammenhang als Beitrag an eine hochstehende Hotelkultur, wie sie historisch in der Schweiz entstanden ist.
Hier spreche ich einen mir wichtigen Aspekt an: Kultur findet bekanntlich nicht nur in der Oper statt. Kultur ist vielfältig, ein hochstehendes Handwerk, die Pflege traditionellen Wissens und der respektvolle Umgang damit sind für mich ein wichtiger Teil meiner Motivation immer wieder neue Projekte anzugehen, ohne in repetitives Denken und Handeln zu verfallen.
Ich persönlich arbeite nun seit knapp 30 Jahren in diesem Beruf. Ich war, wie in meinem ersten Interview mit Euch beschrieben, von früher Jugend an, an Kunst, Geschichte, Literatur und auch Politik interessiert. Dieses Interesse an der Welt und mein Studium der Geschichte und Politik vor dem Architekturstudium, sind wohl Antrieb und auch Basis bei meiner Arbeit als Fachautor. Ich schreibe in den einschlägigen Medien zu Themen der Hotellerie. Dabei geht es mir um den gesellschaftlichen Kontext der Branche. Hier lassen sich Entwicklungen ablesen und Trends beobachten, die weit über das übliche Verständnis von Design und Architektur hinausgehen.
Als Berater habe ich für Hotelketten wie Swissôtel weltweit gearbeitet. Weiters stehe ich diversen Hotels mit meinem Wissen über die richtige innenarchitektonische Konzeptionierung und Proportionierung zur Seite. Aber auch Banken wie der Credit Suisse bei größeren Projekten.
Ein Thema, über welches wir letzthin viel gesprochen haben, ist die Nachhaltigkeit. Wie integrierst du diese in deine Arbeit? Gab es für dich einen Moment oder vielleicht einen Ort, der dich auf diesen Weg gebracht hat?
Wenn ich einen Ort oder Zeitpunkt suche, wo und wann mein Interesse für Nachhaltigkeit begann, dann kommt es mir als eine selbstverständliche Entwicklung vor, eine Art evolutionärer Designprozess.
Ich erinnere mich, dass vor vielen Jahren die Gestaltung, die visuell erlebbare Ästhetik, dominant und zentral war. In der Schweiz kam traditionell noch eine Haltung hinzu, die Aspekte wie Materialechtheit und hochwertige Handwerksarbeit wertschätzte.
Als Director Interior Design war ich mehrere Jahre für einen Schweizer 5* Hotel Brand auf allen Kontinenten unterwegs, briefte und coachte die Design- und Architekturteams von vielen Renovations- und Neubauprojekten. Dabei wurde mir deutlich bewusst, wie sehr wir uns im kontinentalen Europa und speziell in der Schweiz, von den zumeist angelsächsischen Designfirmen unterscheiden, die weltweit große Hotelprojekte umsetzen. Faszinierend und für mich eine absolute Ausnahme in diesem Zusammenhang war dabei meine Zusammenarbeit mit einem japanischen Innenarchitekten. Bei einem Umbauprojekt in Japan erlebte ich, wie nah wir einander in unseren Auffassungen zu Architektur und Design kamen. Deswegen freue ich mich sehr auf meine kommende Japanreise, wofür ich Handwerk, Architektur und Design - neben der Natur - zu den zentralen Themen meiner Reiseplanung gemacht habe. Und die Vorfreude ist natürlich groß: diese Reise ist nun seit anderthalb Jahren „on hold“ - ich hoffe auf das nächste Jahr.
Wir drücken die Daumen, dass es endlich mit deiner Japanreise klappt. Wenn wir in der Zukunft bleiben: welche Prinzipien und Trends denkst du, werden im Design immer wichtiger?
Die Prinzipien sind komplex und werden sich immer weiterentwickeln. Es gibt verschiedenste Labels und Zertifikate zur Nachhaltigkeit, auch in der Hotellerie. Magdalena, Du hast mir das anspruchsvolle Label B Corp gezeigt, auf das Du Dich mit Deinem Unternehmen fokussierst: Ich beschäftige mich nun damit, habe Respekt vor dem Aufwand und werde es weiterverfolgen.
Was unsere tägliche Arbeit in der Planung der Innenarchitektur angeht, kommen diverse Grundprinzipien der Nachhaltigkeit meinen Sympathien und Qualitätsansprüchen entgegen. So z.B. bei der Produkte- und Materialauswahl zu recherchieren, wie sinnvoll und vertretbar die Verwendung in Bezug auf Energieeinsatz und ethischen Grundsätzen bei Herstellung und Transport ist. Des weiteren lege ich Wert auf Materialechtheit, was auch der Recyclierbarkeit entgegenkommt. Auch die Gewinnung und vor allem die Verarbeitung von Rohstoffen sollte, wenn möglich, regional stattfinden. Zum Beispiel beim Einsatz von Holz und Stein.
Ganz weit oben auf meiner Präferenzliste steht das Handwerk: Hier spreche ich, was mich anbetrifft, von einer hochstehenden Kultur, die hoffentlich wieder an Bedeutung gewinnt und Platz im Wirtschaftsdenken findet. Ich liebe gutes Handwerk und ergreife oft die Möglichkeit Handwerksbetriebe zu besuchen. Dazu zählen für mich auch Glasmanufakturen wie Barovier & Toso auf Murano, mit einer durchgängigen Firmengeschichte seit dem 15. Jahrhundert. Oder Leuchtenfirmen wie Louis Poulsen in Kopenhagen, die nicht nur alles selbst und in Dänemark produzieren, sondern ihre Mitarbeitenden zu täglichen Arbeitspausen mit Musik und Gymnastik einladen.
Diese europäischen Firmen sehe ich als regional an, für mich ist Regionalität keine Frage der nationalen Grenzen, sondern der Möglichkeiten. Daher wird es wohl auch in Zukunft Produkte geben, die von weit herkommen, aus Asien, Afrika, Süd- und Nordamerika.
Hierbei sind, wie vorher schon angesprochen, die Recherchen wichtig: Wie und unter welchen Bedingungen wurde produziert? Wieweit sind ethische Standards glaubwürdig eingehalten worden, wie z.B. bei den Arbeitsbedingungen und der Menschenwürde, Tierwohl und Umweltbelastungen?
Was zukünftige Trends in Bezug auf Nachhaltigkeit angeht, hoffe ich auf positive gesellschaftliche Entwicklungen: Es kann nicht sein, dass Jede und Jeder einen Doktortitel erwerben muss, um Nachhaltigkeit zu verstehen. Für mich sprechen Nachhaltigkeit und unsere großen Krisen einfache Gefühle an: Wer bei sich ist, hat auch einen leichten Zugang zum Verständnis von Nachhaltigkeit. «We are one World» ist eine Frage des Bewusstseins, nicht der Bildung.
Was sagst du zu jenen Menschen, die glauben, dass es schlichtweg unmöglich ist sowohl Design-orientiert als auch nachhaltig zu sein? Wie erschaffst du schöne Orte und Räume, die auch für die Menschheit und unsere Erde langfristig tragbar sind?
Wir haben in der Menschheitsgeschichte schon viele Wandel des guten Geschmacks durchlaufen. Die 25.000-jährige Steinskulptur der Venus von Willendorf ist die erste bekannte skulpturale Darstellung eines menschlichen Ideals: Eine sehr dicke Frau. Sie stellte ein Schönheitsideal dar, denn in Zeiten von Hunger und Kälte war das wohlgenährt sein ein Traum. Aus heutiger Sicht würde das Übergewicht als problematische Fehlentwicklung angesehen werden… Schönheitsideale können sich also durchaus überleben, wenn sie nicht mehr angemessen sind, wenn sie zu Erkenntnissen im Widerspruch stehen. Ich glaube an ein kollektives, universales Ästhetik-Empfinden. So wie alle Menschen unabhängig von ihrer Kultur Lachen und Weinen verstehen, so gibt es auch Übereinstimmungen in der Wahrnehmung von schön und hässlich, von freundlich und feindlich.
Um also auf die Frage zurückzukommen: Ich spiegle die Aussage zurück und behaupte, es wird in der Zukunft zur allgemeinen Designakzeptanz, zum Schönheitsempfinden, selbstverständlich dazugehören, dass die Gestaltung Standards der Nachhaltigkeit erfüllt. Ein weiter so wie immer eines Hoteldesigners würde mir, beispielsweise als vorausschauender Hotelinvestor, eher Sorge als Freude machen.
Viele unserer LeserInnen sind in der Hotellerie tätig: Was sind die 5 wichtigsten Dinge, die Hotels tun sollten, um Ihre Interieurs nachhaltiger zu machen?
Wer plant, eine Innenarchitektin oder einen Architekten zu beauftragen, muss sich die Zeit nehmen und abklären, im Gespräch und anhand von Referenzprojekten, ob und wie Nachhaltigkeit ein Thema in der Gestaltung des betreffenden Design-Büros ist. Wer selbst zur Tat schreiten möchte, sollte sich mit guten regionalen Handwerksbetrieben beraten und die passenden PartnerInnen aussuchen. Herstellende von Möbeln gibt es in der Schweiz und im nahen Ausland sehr gute und nachhaltige. Firmen wie De Sede, Horgen Glarus, Embru, Alias, Girsberger und andere versprechen Langlebigkeit; aber nicht nur das: Nach vielen Jahren Gebrauch restaurieren sie diese Möbel auch. So zahlt ein Hotel vielleicht einen höheren Einstandspreis als bei No-Name-Produkten von irgendwo, dafür halten diese aber auch Jahrzehnte lang. Die Lebensdauer eines Möbels ist ein wichtiges Kriterium der Nachhaltigkeit. In der Regel sind diese Möbel sorgfältig gestaltet und strahlen eine hohe Wertigkeit aus, was der Gast gern und positiv zur Kenntnis nimmt.
Das gilt auch und besonders für Ledermöbel: Hochwertige Firmen kommunizieren genau von wo die Rinderhäute stammen und wie und mit welchen Chemikalien sie gegerbt wurden. Es ist für mich wie beim Essen: Wenn eine Tiefkühlpizza mit Fleischauflage keine 3.50 Franken kostet, ist doch allen klar, dass keine respektvolle Tierhaltung und keine Wertschätzung dahinter stehen kann…
Ich bin kritisch mit einem momentanen inflationären Hype von Pet-Recycling: Ich frage Herstellende genau nach den Prozessen der Gewinnung von Pet und Fischernetzen und wie und wo die Gewinnung, Verarbeitung und Transporte stattfinden. Wir haben auf der Welt ein Problem mit Pet-Abfall. Aber ist die Verarbeitung zu mehr oder weniger kurzlebigen Produkten sinnvoll? Löst das ein Problem oder schafft es ein Neues?
Was gibt es an weiteren nachhaltigen Maßnahmen? Ich untersuche vor Renovationen von Hotels und Gastronomieobjekten, ob wirklich alle Möbel entsorgt werden. So bearbeiten wir ein Projekt im Tessin, wo ein handwerklich anspruchsvoll hergestellter Sekretär in den Zimmern altmodisch wirkte. Aber in mattem schwarz lackiert, mit modernen, silberfarbenen Beschlägen und einer coolen Tischlampe ergänzt, wirkt er nun wie neu geboren, ein Lifestyle-Element, welches sein zweites Leben beginnt.
Der Themen-Dreiklang Downcycling, Recyling und Upcycling sollte zur Recherche der Möglichkeiten gehören. Gute Gestaltende sollten Lösungen finden, die überzeugend nachhaltig und hohen Designansprüchen genügend sind.
Was sind deine Hoffnungen für die Hospitality Industrie in Bezug auf Nachhaltigkeit?
Die Hotellerie und Gastronomie sind großen Herausforderungen ausgesetzt, müssen teils ihre angestammten und bisher gut funktionierenden Geschäftsmodelle hinterfragen. Vieles an der Nachhaltigkeit ist ihnen vertraut über den F&B Bereich: Regionalität und gute Produkte als Voraussetzung für Erfolg, klare Kommunikation und Deklaration von Produkten und Dienstleistungen.
Der zeitgemäße und respektvolle Umgang mit Mitarbeitenden rückt mehr in den Vordergrund, neue Arbeitszeitmodelle werden gefordert.
Ich erhoffe mir durch diese Herausforderungen ein Umdenken mit positiven Auswirkungen für die Zukunft: eine höhere Motivation der Mitarbeitenden durch ein kooperatives Management; Vertrauen von Gästen und Mitarbeitenden in die Betriebe, erzielt durch ehrliche Kommunikation; und die Vermeidung von „Green-Washing“, da man sich ehrlich um Nachhaltigkeit bemüht und das auch sichtbar macht.
Karsten, du kennst ja unsere finale MAp meets Frage bereits. Denn diese dreht sich auch noch nach all den Jahren um unseren Kernservice – der Entwicklung von nachhaltigen Hotelkonzepten und Hotelmarken. Was macht für dich persönlich einen Hotelaufenthalt einzigartig?
Ich bin, wie meine Partnerin auch, ein leidenschaftlicher Gastronomie- und Hotelgenießer. Wir studieren online verschiedene Angebote und wählen sorgfältig aus. Wenn das Hotel und das Restaurant dann ein Erlebnis sind, mir eine einzigartige, nicht austauschbare Erinnerung schenken, dann komme ich glücklich nach Hause zurück! Zu diesem Glück braucht es Mitarbeitende, die mich ein echtes „Willkommen-sein“ spüren lassen. Räumlichkeiten, die überraschen, mit Details und als Gesamteindruck. Räume, die eine warme und freundliche Atmosphäre ausstrahlen und gleichzeitig zeitgemäß modern gestaltet sind, vielleicht auch manchmal unvergesslich auf die Spitze getrieben… Hotel- und Gastronomiebetriebe deren Essen morgens, mittags und abends verführerisch ist.
Orte die Sehnsucht auslösen, wenn ich mich später an sie erinnere.
Über Karsten Schmidt-Hoensdorf:
Nach seinem Studium der Geschichte und Politikwissenschaften in Toulouse und München wandte er sich der Architektur zu und schloss ein Studium der Innenarchitektur ab. Über Jahre war Karsten als Berater für Hotelentwicklungen und Renovierungen für Swissôtel Hotels & Resorts weltweit in der Position des Director Interior Design verantwortlich und doziert heute zu Themen wie: Prozesse in der Design-Entwicklung führen sowie Qualitätskriterien im Design.